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selbstliebe: so entsteht sie und so bleibt sie

1. Okt.
7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Okt.

Ich habe mit Physiotherapeutin, Dozentin & Autorin Dr. Monika Leitner über Selbstliebe gesprochen. In ihrer über 30-jährigen Laufbahn sind ihr viele Menschen und ihre Körpergeschichten begegnet. Sie hat immer wieder erlebt, wie Menschen sich und ihren Körper verurteilen, abwerten, schinden und mit ihm hadern, weil er nicht so aussieht oder funktioniert, wie sie es sich wünschen.


Ihre eigene Körpergeschichte und die Auseinandersetzung mit ihr hat Monika zum Thema Körperbeziehung gebracht. Darüber, wie wir die Verbindung zu unserem Körper stärken und damit uns selbst immer mehr annehmen lernen können, hat sie das Buch Körperkompetenz geschrieben.


Du kanst dir das vollständige Interview als Video ansehen, es als Audio anhören oder es in gekürzter Version unten lesen.

Darüber spreche ich mit Monika:

  • warum es manchen Menschen schwerer als anderen fällt, sich anzunehmen

  • warum Selbstliebe kein fixer Zustand, sondern dynamisch ist 

  • was es bedeutet, dass Erfahrungen im Körper abgespeichert sind und wie sich das äussert

  • warum die Akzeptanz des Selbst im Jetzt der Schlüssel für mehr Selbstannahme ist und nicht das Zukunftsbild vom Körper

  • wie Selbstbliebe Schritt für Schritt entstehen und wachsen kann

  • was hilft, wenn du sehr streng mit dir bist, dich auf Fotos nicht magst und im Spiegel nur siehst, was dir nicht gefällt

  • warum auch Trauer, Angst und Wut zu einem lebendigen Körpergefühl gehören

  • Monika's Buch Körperkompetenz und wie das eigene Körpergefühl zu mehr Selbstliebe beitragen kann





Transkript vom Interview | gekürzt & lektoriert - für ein leichteres Lesevergnügen



Warum fällt manchen menschen die Selbstannahme leichter als anderen?



Lene: Vielleicht kommt dir das bekannt vor: Du schaust in den Spiegel, und dein Blick bleibt sofort an dem hängen, was dich stört. Der Bauch, vielleicht die Beine, die ersten Falten. Oder du hast dich schon immer irgendwie fremd gefühlt in deinem Körper.


Das kenne ich von mir selber. Und ich kenne es von den Frauen, die für ein Fotoshooting zu mir finden. Sie hadern mit sich, mit dem Älterwerden, mit den Veränderungen, die das mit sich bringt.


Manche haben sich noch nie wirklich schön gefunden.

Und das sagt viel über die Beziehung zu uns selbst aus. Wie können wir anfangen, uns nicht mehr abzulehnen? Genau darüber spreche ich heute mit Dr. Monika Leitner.


Monika ist Physiotherapeutin mit über 30 Jahren Erfahrung und hat das Buch Körperkompetenz geschrieben – darüber, wie wir lernen, uns im eigenen Körper zu Hause zu fühlen.


Was meinst du Monika, warum fällt es manchen Menschen leichter, sich selbst anzunehmen als anderen?


Monika: Da gibt es zwei Ebenen. Die eine ist die Bestätigung von aussen – schon in der Kindheit spielt es eine Rolle, ob uns die Eltern positiv spiegeln oder eher herumnörgeln. Das legt einen gewissen Boden.


Aber Selbstannahme kann nicht nur Aussensicht sein – sonst wären wir immer abhängig davon, dass uns jemand bestätigt, wie schön wir sind.


Letztlich glaube ich, dass Selbstliebe etwas ist, das in uns selbst entstehen und sich entwickeln darf.

Eines der zentralen Lebensthemen überhaupt. Und es ist nichts, was man einmal erreicht und dann für immer hat. Aus meiner eigenen Erfahrung: Es ist ein dynamischer Prozess, der sich immer wieder neu herstellen will.



Selbstliebe darf dynamisch sein 


Lene: Das finde ich gerade sehr beruhigend zu hören. Dass ich mich nicht jeden Tag toll finden muss, sondern dass es dynamisch sein darf.


Monika: Genau. Ich vergleiche das gern mit dem Gleichgewichtstraining auf dem Wackelbrett: Das Ziel ist nie, unbeweglich stehen zu bleiben, sondern immer wieder neu die Balance zu finden.


Jedes Mal, wenn ich merke, dass ich das Gleichgewicht in der Selbstliebe verliere, ist genau dieses Bemerken schon ein Akt der Selbstliebe.

Das Zurückfinden gehört dazu.



Unsere Lebensgeschichte ist im Körper gespeichert


Lene: Du schreibst in deinem Buch, dass unsere ganze Lebensgeschichte – sogar Erfahrungen vor der Geburt – im Körper gespeichert ist. Was bedeutet das?


Monika: Wir sind eine Einheit. Nur um uns selbst zu verstehen, zerlegen wir uns gedanklich in Psyche, Körper, Geist, Seele – aber wir sind ganz. Aus der pränatalen Forschung weiss man, dass ein Kind schon im Mutterleib die Stimmung der Eltern, Geschmäcker, Musik wahrnimmt.


Das kann Spuren hinterlassen, genau wie später ein Fahrradunfall, eine Narbe oder die warme Umarmung der Grossmutter.


Auch Emotionen, die in einem Moment nicht sein durften, unterdrücken wir oft über Muskelspannung.

Kurzfristig kann das sinnvoll sein. Langfristig führt es zu chronischen Verspannungen. Der Körper zeigt uns diese Themen irgendwann wieder – nicht, damit wir alles entschlüsseln, aber damit wir anfangen, hinzuhören.



Den Körper verstehen wollen


Monika: Wenn der Körper ein Signal sendet – Verspannung, ein Ziehen, Unwohlsein –, gibt es verschiedene Wege damit umzugehen. Ich kann es wegdrücken. Ich kann es komplett an Fachpersonen delegieren. Oder ich kann neugierig werden und selbst fragen:


Was willst du mir zeigen?

Das eine schliesst das andere nicht aus – zur Physio zu gehen ist völlig legitim. Aber ich glaube, echte Lebendigkeit entsteht, wenn wir zusätzlich diese Ganzheit wieder zulassen, statt nur im Kopf zu leben und den Körper bei Problemen ans Gesundheitswesen abzugeben.



Der Schlüssel zur selbstliebe: Akzeptanz im Jetzt


Monika: Viele von uns leben mit einem Bild davon, wie der Körper in einem halben Jahr aussehen könnte – besonders im Januar, wenn die meisten Fitnessabos abgeschlossen werden. Das ist per se nichts Schlechtes. Aber wenn ich nur aus dieser Zukunftsperspektive lebe, ist das kein Selbstliebe-Zustand im Jetzt.


Der Schlüssel ist, sich nicht in das zukünftige, sondern in das jetzige Bild des eigenen Körpers zu verlieben.

Zu sagen: So, mit diesen sechs Kilo, mit diesen Fettpölsterchen, bist du jetzt schon perfekt und wunderbar.


Aus meiner medizinischen Erfahrung weiss ich, wie viel unser Körper leistet – das ist ein Wunder, unabhängig davon, ob ich etwas verändern will oder nicht.



Wenn ich im Spiegel nur die Mängel sehe


Lene: Und wenn ich das nicht so sehen kann? Wenn ich in den Spiegel schaue und nur das Bauchfett, die Falten, die grauen Haare sehe? Mir einreden, ich fände mich schön, funktioniert ja nicht, wenn es sich nicht so anfühlt.


Monika: Du hast recht, man kann sich nicht belügen. Der erste Schritt ist eine andere Frage:


Mit welchem Blick schaue ich mich gerade an – und wer beeinflusst diesen Blick?

Ist es der Blick der sozialen Medien, meiner Kultur? Was bei uns nicht dem Schönheitsideal entspricht, gilt anderswo als Schönheitssymbol. Allein das bewusst zu machen, ist ein erster Schritt in die Befreiung.



die vermeintliche Zornesfalte


Ein Beispiel: Diese Falte hier zwischen den Augenbrauen wird in der ästhetischen Chirurgie „Zornesfalte" genannt. Ich wehre mich gegen diesen Begriff – ich war nicht besonders zornig in meinem Leben. Sie entstand durch Konzentration, durch Jahre am Bildschirm, beim Lesen.


Ich kann mir Botox spritzen lassen, das darf jede für sich entscheiden. Ich für mich entscheide mich, diese Falte als Zeichen zu sehen:


Hier hat mein Gesicht schon viel gelebt.

Wenn ich mich so im Spiegel sehe – das Leben hat meinen Körper gezeichnet –, komme ich in eine Haltung von Versöhnung statt Ablehnung. Verbunden mit Dankbarkeit, dass ich noch jeden Morgen aufstehen und durchs Leben gehen darf.



Monika's eigene Geschichte


Monika: Eine Kollegin hat mich letztens gefragt, warum ich für mein Buchcover einen makellosen Bauch gewählt habe.


Ich war als Kind schwer krank, hatte mit acht Jahren zwei grosse Operationen im Bauchbereich und trage seither eine grosse Narbe. Ich habe mir jahrelang einen flachen, unversehrten Bauch gewünscht – als Teenager sogar ein Sit-up-Programm ins Tagebuch geschrieben.


Genau diese Auseinandersetzung zwischen Ablehnung und Annahme hat mich zum Thema Körperbeziehung gebracht.

Der Nabel auf dem Cover trägt für mich noch eine zweite Bedeutung: Er ist die letzte Trennung von der Mutter bei der Geburt – aber auch eine Verbindung, vom Aussen nach innen.


Es geht nicht nur um den äusseren Blick auf den Körper, sondern auch darum, nach innen zu fühlen: Freude, Wohlgefühl, Lust wahrzunehmen.



Warum sich der Weg zur selbstliebe lohnt


Lene: Was verändert sich, wenn man sich auf diesen Weg macht – auch wenn er holprig ist?


Monika: Der Körper schenkt uns eine riesige Palette an Sinneserfahrungen – nicht nur Sehen, Hören, Schmecken, sondern auch das Spüren im Körperinneren: Hunger, sexuelle Erregung, ob eine Mahlzeit guttut.


Wenn wir den Körper ausklammern, verpassen wir diese Vielfalt.

Und dazu gehören auch die unbequemen Gefühle – Trauer, Angst, Wut. Wenn mein Körper mir zeigt, dass Wut da ist, dann ist es dran, sie zu fühlen. Vielleicht braucht es dafür eine Freundin oder eine Fachperson. Aber Lebendigsein heisst, zu allem Ja zu sagen – auch zu dem, was wir eigentlich als negativ bewerten würden.



der erste schritt zu mehr selbstliebe


Lene: Was rätst du jemandem, der merkt: Ich bin noch nicht im Reinen mit mir, ich bin sogar im Kampf mit mir?


Monika: Zuerst braucht es Mut, loszugehen – auch ohne zu wissen, wohin der Weg führt. Dann Akzeptanz: Ja sagen zur jeweiligen Situation, ohne die eigene Ablehnung wieder abzulehnen.


Dann das Wunder des Körpers entdecken: Wie viele Schritte haben mich meine Füsse schon durchs Leben getragen? Wie viele Herzschläge haben mir schon Ja zum Leben gesagt? Daraus kann Dankbarkeit wachsen – die nachweislich sogar gesundheitsfördernd wirkt.


Und: sich anderen anvertrauen, nicht alles allein bewältigen.

Dabei den Körper aber auch nicht überhöhen – irgendwann wird sich Körperliches verändern, das gehört zum Leben dazu. Bis dahin: neugierig bleiben, staunen, was der Körper noch zu erleben gibt.


Lene: Vielen Dank für diese wunderschöne Ausführung, liebe Monika. Ich nehme mit: Selbstliebe beginnt nicht damit, dass wir uns sofort schön finden müssen. Sie beginnt vielleicht eher damit, dass wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen – und anfangen, uns selbst zuzuwenden.


Genau dazu lädt Monikas Buch "Körperkompetenz" ein: den Körper nicht länger zu bewerten, sondern ihn als Teil von uns zu begreifen.



Über dr. Monika Leitner


Frau mit kurzen Haaren sitz auf einem Sofa und hält stolz ihr selbst geschriebenes Buch in der Hand

Dr. Monika Leitner ist Physiotherapeutin mit über 30 Jahren Erfahrung und Autorin des Buches Körperkompetenz. Sie begleitet Menschen dabei, eine liebevolle Beziehung zu ihrem Körper zu entwickeln.


Buch: Körperkompetenz, erschienen im Ethika-Media-Verlag – direkt beim Verlag oder im Buchhandel auf Bestellung erhältlich.





hattest du schon immer eine schwierige beziehung zu deinem körper?


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Frau mit langen Haaren lächelt in die Kamera

Lene ist ausgebildete Fotografin und hilft Frauen, zu erkennen, wie schön sie sind. Mit ihrer einfühlsamen Art, Gesprächen, Meditation, Musik und Tanz schafft sie während ihrer Fotoshootings eine Wohlfühlatmosphäre. Die Berlinerin liebt ihre Wahlheimat Bern, die Aare, Schokolade, flache Pfirsiche und Salsa tanzen.



 
 
 

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